Wenn Sie nach einem Umbau einen unangenehmen Geruch im Haus bemerken, ist das kein Zufall. Es ist ein Signal. Viele Menschen denken, der Geruch vergeht von selbst - doch das ist ein gefährlicher Irrtum. In den ersten Wochen nach der Renovierung können Baumaterialien Dutzende chemische Substanzen freisetzen, die nicht nur stören, sondern auch gesundheitsschädlich sind. Laut dem Umweltbundesamt weisen 78 % der Neubauten in Deutschland VOC-Konzentrationen über dem gesundheitlichen Richtwert von 300 µg/m³ auf. Das bedeutet: Fast jedes vierte Haus nach Umbau ist belastet. Und der Geruch? Er ist oft nur die Spitze des Eisbergs.
Was verursacht den Geruch wirklich?
Die häufigste Ursache sind flüchtige organische Verbindungen, kurz VOCs. Sie kommen aus Klebern, Lacken, Bodenbelägen, Dämmmaterialien und sogar Tapeten. Formaldehyd ist dabei der bekannteste Schadstoff - es riecht stechend und wird besonders von Spanplatten, MDF und Holzwerkstoffen abgegeben. Doch es gibt noch viele andere: Essigsäure, längerkettige Aldehyde, Weichmacher wie DEHP aus PVC-Böden oder Flammschutzmittel wie TCPP in Textilien. Diese Stoffe sind nicht immer sichtbar, aber sie schwimmen in der Luft - und werden von Ihrer Lunge aufgenommen.
Ein weiterer häufiger Auslöser ist Schimmel. Aber Achtung: Nicht jeder muffige Geruch kommt von Schimmel. In 65 % der Fälle, die Baubiologen untersuchen, ist es Chloranisol - ein Geruch, der entsteht, wenn Pentachlorphenol (PCP) in alten Holzkonstruktionen mit Feuchtigkeit reagiert. PCP wurde bis in die 1990er-Jahre als Holzschutzmittel verwendet. Heute ist es verboten, aber in vielen Fertighäusern aus den 70er- und 80er-Jahren ist es noch in den Außenwänden oder Dachbalken enthalten. Der Geruch erinnert an nasse Socken oder alten Holzschrank - er ist nicht direkt giftig, aber ein klarer Hinweis auf toxische Abbauprozesse.
Und dann gibt es noch die einfachen, aber oft übersehenen Ursachen: trockenlaufende Siphons. Wenn Abwasserleitungen längere Zeit kein Wasser führen, entsteht Schwefelwasserstoff - der typische faulige Eiergeruch. Das passiert besonders oft nach Umbauten, wenn Sanitäranlagen umgezogen oder nicht richtig versiegelt wurden. Und dann ist da noch der Fogging-Effekt: Stoffe, die sich an Wänden oder Möbeln abgesetzt haben, werden bei Temperaturschwankungen wieder freigesetzt. Das erklärt, warum der Geruch manchmal plötzlich stärker wird - obwohl Sie nicht neu gestrichen oder geputzt haben.
Warum ist der Geruch nach Umbau schlimmer als in alten Häusern?
Altbauten haben oft einen natürlichen Luftaustausch: Undichte Fenster, Holzrahmen, nicht dicht verputzte Wände - sie lassen Luft durch. Heutige Energiesparhäuser sind dagegen perfekt isoliert und luftdicht verklebt. Das spart Energie - aber es fängt auch Schadstoffe ein. Laut Studien der Berner Fachhochschule sind VOC-Konzentrationen in Neubauten in den ersten 90 Tagen bis zu 300 % höher als in Altbauten. Die Materialien sind komplexer geworden. Heute werden in einem einzigen Bodenbelag bis zu 3.000 verschiedene chemische Substanzen kombiniert. Kein Hersteller kann alle Wechselwirkungen vorhersagen. Und oft weiß der Handwerker selbst nicht, was er verbaut hat - weil die Materialangaben nicht dokumentiert wurden.
Ein weiterer Faktor: Die Raumtemperatur. Wenn die Sonne durch das Fenster scheint und die Oberfläche von Boden oder Wand auf über 35 °C erwärmt, beschleunigt sich die Ausgasung um bis zu 400 %. Das bedeutet: Ein sonniger Tag nach dem Umbau kann die Luftqualität drastisch verschlechtern. Und viele Menschen reagieren darauf mit Kopfschmerzen, Augenbrennen oder Atembeschwerden - oft schon innerhalb von 48 Stunden nach dem Einzug. Die Deutsche Baubiologische Gesellschaft hat festgestellt, dass 68 % der Betroffenen solche Symptome innerhalb von zwei Tagen bemerken.
Was hilft wirklich? Die 5 wirksamsten Maßnahmen
Es gibt viele Produkte, die versprechen, Gerüche zu „neutralisieren“ - Duftkerzen, Luftreiniger mit Aktivkohle, Ozon-Generatoren. Aber die meisten sind nur kurzfristige Pflaster. Hier sind die fünf Methoden, die wirklich wirken - und die von Baubiologen und Umweltinstituten empfohlen werden.
- Kontinuierliches Querlüften - Das ist die einfachste und effektivste Methode. Lüften Sie mindestens 3-5 Mal täglich, jeweils 10-15 Minuten. Dabei sollten Fenster gegenüberliegend geöffnet werden, damit ein Luftstrom entsteht. Die Luftwechselrate sollte 3-5 h⁻¹ betragen. Nach Messungen des Umweltbundesamts senkt dieses Lüftungsverhalten die VOC-Konzentration innerhalb von 4 Wochen um 75 %. Kein Gerät, kein Spray, kein Luftreiniger kann das erreichen.
- Wasserstoffperoxid in Siphons - Bei fauligem Geruch aus Abflüssen: Gießen Sie 100 ml 11,9 %iges Wasserstoffperoxid in jeden Siphon. Das tötet Bakterien ab, die Schwefelwasserstoff produzieren. Eine Studie des Bauberater-KDR mit 12 betroffenen Haushalten zeigte, dass 9 von 12 Gerüchen innerhalb von 48 Stunden verschwanden. Kein teurer Reiniger, kein chemischer Sprühnebel - nur Wasserstoffperoxid, das in jeder Apotheke erhältlich ist.
- Keine Maskierung - sondern Entfernung - Viele kaufen Duftspender oder „Geruchsbinder“, die den Geruch nur überdecken. Das ist gefährlich. Der Schadstoff bleibt in der Luft. Stattdessen: Wenn Sie einen starken Geruch von Holz oder Dämmung spüren, prüfen Sie, ob PCP im Spiel ist. Das erkennen Sie an einem süßlich-muffigen Geruch, der besonders in feuchten Räumen auftritt. In diesem Fall hilft nur ein kompletter Austausch der betroffenen Holzkonstruktionen - inklusive Fassade oder Dachbalken. Die Kosten liegen bei 250-350 €/m², aber es ist die einzige dauerhafte Lösung.
- Mineralische Beschichtungen - Für Wände, die mit VOC-haltigen Anstrichen behandelt wurden, empfehlen Baubiologen mineralische Farben wie „Reinolit Protect“ mit pH-Wert über 11,5. Diese Beschichtungen binden flüchtige Stoffe und reduzieren die Emissionen um bis zu 80 %. Sie sind nicht teurer als herkömmliche Farben, aber sie wirken langfristig - und sind atmungsaktiv.
- Materialdokumentation prüfen - Wenn Sie einen Umbau planen, fordern Sie von jedem Handwerker die Materialdatenblätter an. Suchen Sie nach dem Emicode-EC1-Zertifikat - das ist das strengste Label für niedrige Emissionen. Aber Achtung: Auch EC1-Produkte emittieren bei Raumtemperaturen über 28 °C bis zu 30 % mehr. Dokumentieren Sie alles. Wenn später ein Geruch auftritt, brauchen Sie Nachweise, um Ansprüche geltend zu machen.
Was ist mit Luftreinigern und Ozon?
Luftreiniger mit Aktivkohlefilter reduzieren VOCs um 40-60 %. Das klingt gut - aber sie müssen regelmäßig gewechselt werden, sonst werden sie selbst zur Schadstoffquelle. Und sie helfen nur bei Luftschadstoffen, nicht bei Gerüchen aus Boden oder Wänden. Ozonbehandlung ist noch problematischer. Obwohl sie kurzfristig Gerüche „verbrannt“ zu haben scheint, produziert sie laut einer Fallstudie des IQUH in 35 % der Fälle neue, noch unangenehmere Gerüche. Ozon reagiert mit chemischen Verbindungen und bildet neue, oft toxische Nebenprodukte. Es ist kein Heilmittel - es ist ein Risiko.
Die beste Investition ist kein Gerät, sondern Zeit und Lüftung. Geben Sie Ihrem Haus mindestens 6 Wochen nach dem Umbau, um sich zu „entlüften“. Vermeiden Sie es, Möbel oder Teppiche sofort einzubringen. Lassen Sie die Räume kalt, wenn Sie nicht da sind - niedrigere Temperaturen verlangsamen die Ausgasung.
Wie erkenne ich, ob es gefährlich ist?
Ein Geruch ist nicht automatisch gefährlich - aber einige Symptome sollten Sie ernst nehmen:
- Kopfschmerzen, die nach dem Einzug auftreten und nicht verschwinden
- Augenbrennen, Niesen oder Husten, besonders morgens oder abends
- Übelkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten in den Räumen
- Geruch, der sich mit der Temperatur verändert - stärker bei Sonneneinstrahlung
- Geruch, der nach Wochen oder Monaten wieder auftritt - das ist der Fogging-Effekt
Wenn mehrere dieser Symptome auftreten, lassen Sie die Luft messen. Ein professioneller Schadstofftest mit einem Photoionisationsdetektor (z. B. PCE Instruments PP1000) kostet etwa 150-250 €. Er misst TVOC (Gesamtflüchtige organische Verbindungen) und gibt Ihnen einen klaren Wert. Der gesundheitliche Richtwert liegt bei 300 µg/m³. Werte über 800 µg/m³ sind kritisch - und erfordern sofortige Maßnahmen.
Was kommt als Nächstes? Die Zukunft der Baustoffe
Es gibt Hoffnung. Die Industrie entwickelt VOC-reduzierte Klebstoffe wie „D3 EcoPure“ von Henkel, der ab September 2024 mit Emissionen unter 50 µg/m³ auf den Markt kommt. Die Fraunhofer-Institute arbeiten an einer „Baustoffcloud“, die künftig jede Materialkomponente digital dokumentiert - von der Herstellung bis zur Entsorgung. Das wird es ermöglichen, Schadstoffe vor dem Einbau zu erkennen. Und in der Baubiologie werden mineralische Beschichtungen mit hohem pH-Wert immer populärer - sie wirken wie eine natürliche Barriere gegen chemische Emissionen.
Doch solange diese Technologien nicht Standard sind, bleibt die Verantwortung bei Ihnen. Ein Umbau ist keine Frage des Geldes - es ist eine Frage der Gesundheit. Die meisten Gerüche lassen sich vermeiden, wenn man vorher weiß, was verbaut wird. Und wenn der Geruch da ist - dann handeln Sie nicht mit Duftkerzen, sondern mit Lüftung, Wasserstoffperoxid und gezielter Sanierung.
Gerüche sind kein Ärgernis - sie sind Warnsignale. Hören Sie darauf. Ihr Körper weiß, was schädlich ist - bevor Sie es sehen oder messen können.
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