Wenn du ein altes Haus in München renovierst, das vor 1970 gebaut wurde, dann solltest du besonders aufmerksam sein, wenn du alte Kabelkanäle, Steckdosen oder Sicherungskästen öffnest. Denn dahinter könnte mehr als nur veraltete Technik stecken - es könnte Elektro-Altlasten sein. Und die sind nicht immer sichtbar. Manchmal zeigen sie sich nur durch drei unscheinbare Materialien: Stoffummantelungen, Porzellan und Bakelit.

Was sind Elektro-Altlasten?

Elektro-Altlasten sind nicht wie Öl oder Schwermetalle im Boden. Sie verstecken sich in den Wänden, unter dem Estrich, hinter Verkleidungen. Sie bestehen aus alten elektrischen Komponenten, die mit schädlichen Stoffen verunreinigt sind. Besonders gefährlich sind Materialien, die vor den 1980er-Jahren in der Elektroinstallation verwendet wurden - und die heute noch in vielen Altbauten stecken.

Die größte Gefahr kommt von PCB (polychlorierte Biphenyle). Diese Chemikalien wurden bis 1989 als Isolierflüssigkeit in Transformatoren und Kondensatoren eingesetzt. Sie sind krebserregend, giftig für die Leber und bleiben jahrzehntelang in der Umwelt. Wenn diese Öle aus alten Geräten austraten - etwa durch Überhitzung oder Beschädigung - haben sie sich in umliegenden Materialien festgesetzt. Und genau dort, wo du heute noch Stoffummantelungen, Porzellan oder Bakelit findest, könnte PCB noch immer lauern.

Stoffummantelungen: Der unsichtbare Giftträger

Bevor Kunststoffe wie PVC oder PE als Kabelisolierung Standard wurden, wurden Kabel mit Baumwolle oder Leinen umwickelt. Diese Stoffummantelungen sahen aus wie gewöhnliche Fäden - manchmal mit Wachs oder Teer imprägniert, um sie widerstandsfähiger zu machen. Doch genau diese Imprägnierungen enthielten oft PCB-haltige Öle.

Wenn du in einem Haus aus den 1940er- bis 1960er-Jahren ein Kabel öffnest und statt einer glatten Kunststoffhülle einen geflochtenen, textilen Mantel siehst - dann ist das ein klares Warnsignal. Die Ummantelung selbst ist nicht giftig. Aber wenn sie rissig ist, staubig oder fettig wirkt, ist das ein Zeichen dafür, dass Öl aus alten Geräten oder Leitungen ausgetreten ist und sich in den Fasern festgesetzt hat.

Ein Fall aus München: Ein Elektriker fand 2023 in einer Altbauwohnung in der Schwabingstraße Kabel mit Stoffummantelung. Beim Abziehen der Hülle klebte eine bräunliche, ölige Substanz an den Kupferleitern. Die Analyse ergab PCB-Werte von 1.200 mg/kg - weit über dem Grenzwert von 50 mg/kg. Die gesamte Leitungsanlage musste entfernt und als Sondermüll entsorgt werden.

Porzellan: Der edle Isolator mit dunkler Seite

Porzellan ist hart, hitzebeständig und elektrisch isolierend - deshalb wurde es in der frühen Elektrotechnik als Isolator für Leitungen, Sicherungen und Lampenhalter verwendet. Du findest es noch heute in alten Lichtschaltern, an Deckenleuchten oder als Klemmen in Sicherungskästen.

Das Problem: Porzellan selbst ist ungefährlich. Aber viele dieser Isolatoren wurden mit PCB-haltigen Ölen in Kontakt gebracht - etwa wenn sie an Transformatoren oder Kondensatoren montiert waren. Wenn das Öl austrat, sickerte es in die porösen Stellen des Porzellans ein. Und dort bleibt es, selbst nach 60 Jahren.

Ein einfacher Test: Nimm ein altes Porzellan-Isolator-Teil in die Hand. Riecht es leicht nach Öl oder verbranntem Plastik? Ist die Oberfläche matte, nicht glänzend? Dann könnte es kontaminiert sein. Kein Hausbesitzer sollte Porzellan-Isolatoren aus alten Installationen einfach abmontieren und im Hausmüll entsorgen. Sie gehören in spezielle Sammelstellen für gefährliche Abfälle.

Alter Sicherungskasten mit Porzellan-Klemmen und Bakelit-Schaltern, mit sichtbaren öligen Spuren.

Bakelit: Der erste Kunststoff mit tödlichem Erbe

Bakelit - das erste vollsynthetische Kunstharz - wurde 1907 patentiert und war ein Wundermaterial. Hitzebeständig, elektrisch isolierend, formsicher. Perfekt für Steckdosen, Schalter, Klemmen und Gehäuse von Elektrogeräten. In den 1950er- und 60er-Jahren war es überall: in Fernsehern, Radios, Lichtschaltern, sogar in Sicherungskästen.

Die dunkle Seite: Bakelit wurde oft mit PCB-haltigen Ölen als Weichmacher oder Impregniermittel versetzt. Besonders bei Geräten mit hohen Temperaturen - wie Heizgeräten oder Transformatoren - wurde Bakelit mit Öl imprägniert, um die Isolation zu verbessern. Heute ist dieses Bakelit nicht mehr braun und glänzend. Es ist spröde, rissig, manchmal gelblich verfärbt. Und wenn du es anfasst, bleibt eine ölige Spur an deinen Fingern.

Ein Beispiel: In einer Altbauwohnung in der Münchner Innenstadt wurde 2024 ein alter Sicherungskasten aus den 1950ern ausgebaut. Die Schalter waren aus Bakelit. Beim Öffnen der Gehäuse floss ein kleiner Tropfen öliger Flüssigkeit heraus. Laboranalyse: PCB-Konzentration von 870 mg/kg. Das Bakelit war nicht nur Altlast - es war ein giftiger Zeitbombe.

Wie erkennst du Elektro-Altlasten vor der Renovierung?

Wenn du ein Haus kaufst oder renovierst, das vor 1970 gebaut wurde, dann solltest du folgende Schritte machen:

  1. Prüfe den Sicherungskasten. Ist er aus Metall mit großen Porzellan-Klemmen? Oder hat er runde, schwarze Schalter aus Bakelit? Dann ist er alt - und potenziell gefährlich.
  2. Öffne Steckdosen und Lichtschalter. Wenn die Kabelummantelung aus gewebtem Stoff ist - nicht aus Kunststoff - dann ist Vorsicht geboten.
  3. Prüfe die Kabelverläufe. Wo liegen Kabel in Wänden oder unter Fußböden? Sind sie in Holzkanälen verlegt? Dann könnte es sich um eine alte Installation handeln.
  4. Rieche. Ein leichter, chemischer, ölig-verbrennender Geruch in der Nähe von Steckdosen oder Schaltern ist ein Warnsignal.
  5. Frag nach. Hat der vorherige Besitzer oder der Elektriker etwas über alte Leitungen gesagt? Oft wird es nicht erwähnt - weil niemand weiß, wie gefährlich es ist.

Wenn du unsicher bist: Lass dich von einem zertifizierten Elektro-Altlasten-Sachverständigen beraten. Sie nehmen Proben und schicken sie ins Labor. Ein einfacher Test kostet zwischen 150 und 300 Euro - das ist wenig im Vergleich zu den Kosten einer falschen Sanierung.

Drei gefährliche Materialien — Stoff, Porzellan, Bakelit — geben unsichtbares Gift in einer dunklen Dachboden-Szene ab.

Was passiert, wenn du Elektro-Altlasten ignorierst?

Wenn du diese Materialien einfach abmontierst und in den Hausmüll wirfst, dann verbringst du PCB in die Umwelt. Es gelangt in die Luft, ins Abwasser, in den Boden. Kinder, die auf dem Boden spielen, oder Menschen, die in der Nähe von alten Gebäuden wohnen, sind gefährdet. Auch bei Renovierungen, wenn Staub entsteht - etwa beim Bohren oder Sägen - können PCB-Partikel freigesetzt werden.

Und es gibt rechtliche Konsequenzen: In Deutschland gilt die Altlastenverordnung. Wer gefährliche Stoffe fahrlässig in die Umwelt bringt, macht sich strafbar. Bei einer Sanierung, die später als unsachgemäß erkannt wird, kann die Kommune dich zur Nachsanierung zwingen - mit Kosten von mehreren tausend Euro.

Was tun, wenn du Elektro-Altlasten findest?

Erstens: Nicht selbst rumschrauben. Nicht mit bloßen Händen anfassen. Nicht mit Staubsauger aufsaugen.

Zweitens: Kontaktiere einen Fachmann. Es gibt spezialisierte Unternehmen, die Elektro-Altlasten identifizieren, sichern und entsorgen. Sie arbeiten mit Schutzanzügen, Absauggeräten und speziellen Verpackungen. Die Entsorgung erfolgt über zugelassene Sondermüll-Deponien.

Drittens: Dokumentiere alles. Fotografiere die Fundorte, bewahre Proben in verschlossenen Gläsern auf. Diese Unterlagen brauchst du später für Versicherungen, Sanierungsverträge und eventuell für die Kommune.

Vielleicht klingt das übertrieben. Aber in München wurden 2024 allein 127 Gebäude wegen PCB-haltiger Elektro-Altlasten sanierungsbedürftig gemeldet - fast alle davon Häuser aus den 1950er- und 60er-Jahren. Du bist nicht der Erste. Und du bist nicht der Letzte.

Warum gerade Stoff, Porzellan und Bakelit?

Weil sie die drei häufigsten Materialien sind, die mit PCB in Kontakt kamen - und die heute noch in fast jedem alten Haus stecken. Sie sind nicht giftig an sich. Aber sie sind die Träger. Wie ein Schwamm, der Gift aufgesogen hat und es langsam abgibt.

Heute ist alles anders. Kabel haben eine PVC- oder XLPE-Isolierung. Schalter sind aus modernem Thermoplast. Porzellan wird nur noch für Dekoration verwendet. Bakelit ist ein Relikt der Vergangenheit - und das ist gut so. Denn was damals als Fortschritt galt, ist heute eine Gefahr. Und wer sie erkennt, kann sie entsorgen - und sein Zuhause sicher machen.

Kann ich Elektro-Altlasten selbst entfernen?

Nein. Selbst bei kleinsten Mengen ist die Entfernung von PCB-haltigen Materialien wie Stoffummantelungen, Porzellan oder Bakelit nur durch zugelassene Fachleute erlaubt. Ohne Schutzkleidung, Absaugung und spezielle Entsorgung verstoßt du gegen das Bundes-Immissionsschutzgesetz. Selbst wenn es nur ein einzelner Schalter ist - es ist nicht risikofrei.

Ist ein Haus mit alten Elektroinstallationen unbezahlbar?

Nein. Viele Altbauten in München sind genau deshalb günstiger - weil potenzielle Käufer Angst vor Sanierungskosten haben. Aber wenn du die Elektro-Altlasten rechtzeitig erkennst und sanierst, steigt der Wert deines Hauses. Eine vollständige Elektro-Neuverkabelung mit Dokumentation und Zertifikat macht das Haus sogar attraktiver für Käufer - besonders bei Verkauf oder Vermietung.

Wann wurden PCB in der Elektroinstallation verboten?

In Deutschland wurde die Herstellung und Verwendung von PCB in elektrischen Geräten 1989 verboten. Aber viele Geräte, die vorher installiert wurden, blieben in Betrieb. Deshalb findest du PCB-haltige Materialien bis heute - besonders in Gebäuden, die nicht modernisiert wurden. Die Gefahr liegt nicht im Alter des Gebäudes, sondern im Alter der Elektroinstallation.

Wie viel kostet die Sanierung einer Elektro-Altlast?

Die Kosten variieren stark. Ein einfacher Test kostet 150-300 €. Die Sanierung einer einzelnen Steckdose mit kontaminiertem Kabel: 200-400 €. Eine komplette Elektro-Neuverkabelung in einem Einfamilienhaus mit PCB-Befund: 5.000-12.000 €. Das klingt viel - aber im Vergleich zu möglichen Gesundheitsschäden oder Strafen ist es eine Investition in Sicherheit.

Gibt es Förderungen für die Sanierung von Elektro-Altlasten?

Ja. In Bayern gibt es Förderprogramme für die Sanierung von Altlasten in Altbauten, wenn PCB nachgewiesen wird. Die Kommunen oder das Bayerische Landesamt für Umwelt unterstützen oft bis zu 50 % der Kosten. Frag bei deiner Stadtverwaltung nach dem Programm „Altlastensanierung im Wohnbau“ - viele Hausbesitzer wissen davon nichts, aber es gibt es.